Eine Schule entscheidet sich für Haltung
Eintrag vom 23. September 2026
Verbundschule Hille wird „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ – und versteht das Siegel nicht als Auszeichnung, sondern als Auftrag
Was bedeutet es, Haltung zu zeigen? Und was kann eine Schule dazu beitragen, wenn gesellschaftliche Debatten rauer werden, Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer Behinderung oder ihrer sexuellen Identität angegriffen werden und demokratische Werte längst nicht mehr selbstverständlich erscheinen?
An der Verbundschule Hille hat die Schulgemeinschaft darauf eine klare Antwort gegeben: Wir wollen hinschauen. Wir wollen einander zuhören. Und wir wollen etwas tun. Am 11. Juli 2026 wurde der Verbundschule Hille im Rahmen des Sommerfestes offiziell das Siegel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ verliehen. Damit ist die Schule Teil eines bundesweiten Netzwerks, dem inzwischen mehr als 5.000 Schulen angehören. Das Siegel ist dabei ausdrücklich kein Preis und auch kein Zertifikat dafür, dass eine Schule frei von Rassismus oder Diskriminierung wäre. Es ist vielmehr ein Versprechen für die Zukunft.
Genau dieser Gedanke war für die Verbundschule Hille entscheidend. Denn die Schule ist ein Abbild der Gesellschaft: Rund 1450 Schülerinnen und Schüler lernen hier gemeinsam – Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, mit und ohne Beeinträchtigungen, mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und Überzeugungen. Vielfalt ist hier kein abstrakter Begriff. Sie sitzt jeden Morgen gemeinsam im Klassenraum.
Und gerade deshalb sollte die Entscheidung für das Courage-Netzwerk nicht zu einer politischen Provokation werden. Es ging nicht darum, ein möglichst lautes Zeichen zu setzen. Es ging um etwas Schwierigeres: die eigene Schulkultur bewusst in den Blick zu nehmen.

„Gemeinsam, Achtsam, Stark“
Den ersten entscheidenden Schritt machte die Schülervertretung bereits am Ende des Schuljahres 2024/25. Der Schüler:innenrat stimmte darüber ab, ob sich die Verbundschule auf den Weg zur Courage-Schule machen sollte. Die Zustimmung war groß. Im Schuljahr 2025/26 entstand daraus eine Arbeitsgruppe aus Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 7 bis Q1. Ihr Ziel: Vielfalt nicht nur zu thematisieren, sondern für möglichst alle Mitglieder der Schulgemeinschaft erlebbar zu machen. In der Woche vor den Osterferien entstand deshalb eine multimediale Ausstellung, die sämtliche Schülerinnen und Schüler durchliefen. Auf einer Weltkarte konnten sie mit Stickern sichtbar machen, aus welchen Teilen der Welt ihre Familien und kulturellen Wurzeln stammen. Zitate prominenter Persönlichkeiten beschäftigten sich mit Akzeptanz und Vielfalt. Musikstücke griffen demokratische und gesellschaftliche Themen auf. An anderer Stelle erzählten Schüler:innen und Kolleg:innen in Videointerviews von ihrer persönlichen Migrationsgeschichte oder davon, was Vielfalt für sie persönlich bedeutet. Die Ausstellung bot darüber hinaus auch Raum für Diskussion, da die Klassen ihre eigene Haltung im Rahmen einer Meinungslinie reflektieren durften. Die Schüler:innen der Arbeitsgemeinschaft organisierten hierbei nicht nur die Abläufe und Organisation der Stationen, sondern übernahmen ebenfalls die Betreuung der Ausstellung und das Wahlprotokoll.
Am Ende stand die Abstimmung über den Beitritt zum Courage-Netzwerk. Dabei wird nicht lediglich gefragt, ob eine Schule den Titel schön findet. Alle Menschen, die an der Schule lernen und arbeiten, stimmen geheim über eine Selbstverpflichtung ab. Mindestens 70 Prozent aller Schulmitglieder müssen ihr zustimmen. Diese Selbstverpflichtung ist anspruchsvoll. Sie bedeutet, sich für nachhaltige Projekte gegen Diskriminierung einzusetzen, bei diskriminierenden Äußerungen oder Handlungen nicht wegzuschauen und sich aktiv dafür einzusetzen, dass die Schule jedes Jahr Projekte gegen Diskriminierung, insbesondere Rassismus, durchführt.
An der Verbundschule Hille fiel das Ergebnis deutlich aus: Von den 1483 abgegebenen Wahlzetteln stimmten 92,38 Prozent für den Weg zur Courage-Schule. Selbst wenn die krankheitsbedingt nicht abgegebenen Stimmen als Nein-Stimmen gewertet werden, bleibt eine Zustimmung von 87,76 Prozent. Ein bemerkenswertes Signal – gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Unterschiede häufig nicht als Bereicherung, sondern als Anlass für Abgrenzung betrachtet werden.
„Demokratie ist eine tägliche Probe“
Bei der Siegelübergabe am 11. Juli brachte Viola Schneider, Theaterpädagogin am Stadttheater Minden, einen Gedanken auf den Punkt, der auch den Prozess der Verbundschule beschreibt. „Demokratie ist nie fertig“, sagte sie. „Sie ist kein Zustand. Sie ist eine tägliche Probe.“ Vielleicht liegt darin der Kern dessen, was die Verbundschule mit dem Siegel verbindet. Denn eine Schule ist jeden Tag ein Ort, an dem Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Erfahrungen und Vorstellungen aufeinandertreffen.
Theater und Schule haben dabei mehr gemeinsam, als es zunächst scheint. Auf der Bühne müssen Menschen andere Perspektiven einnehmen. Sie dürfen Fehler machen, scheitern und neu beginnen. Sie lernen zuzuhören und erfahren, dass eine Geschichte nur dann funktioniert, wenn nicht eine Person allein im Mittelpunkt steht. Schneider beschrieb genau diese Erfahrung als eine Form von Demokratiebildung: Wenn aus einem „Die“ plötzlich ein „Wir“ werde – nicht, weil alle dieselbe Meinung hätten, sondern weil Menschen beginnen, einander zuzuhören.
Diese Verbindung soll nun auch die kommende Zusammenarbeit zwischen der Verbundschule Hille und dem Stadttheater Minden prägen. Das Theater übernimmt die Patenschaft für die Schule und wird sie auf ihrem weiteren Weg begleiten.
Denn mit der Übergabe des Schildes durch den Regionalkoordinator für „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, Jens Kristen, ist der Prozess nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: Jetzt beginnt die eigentliche Aufgabe.
Eine Courage-Schule muss nicht beweisen, dass bei ihr niemals jemand diskriminiert wird. Sie muss beweisen, dass sie nicht wegschaut, wenn es passiert. Dass sie Konflikte aushält. Dass sie Fragen zulässt. Dass Menschen widersprechen dürfen. Und dass Verantwortung nicht erst dort beginnt, wo ein Problem groß geworden ist. Sie beginnt dort, wo Menschen jeden Tag miteinander leben. Auf dem Schulhof. Im Klassenraum. In Gesprächen. Und in der Entscheidung, den anderen Menschen nicht auf ein Etikett zu reduzieren.
Die Verbundschule Hille hat sich entschieden, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Nicht, weil damit alle Probleme gelöst wären. Sondern weil es gerade in angespannten Zeiten darauf ankommt, überhaupt anzufangen und Haltung zu zeigen.
Autorin: A. Everding
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