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PRESSE: „Du hast etwas zu sagen“ – Hiller Neuntklässlerin liest Siegertext in Berlin

Eintrag vom 3. Februar 2026

Mit ihrem eindrucksvollen Text über den Anschlag von Hanau hat die 14-jährige Zoe Stockhaus einen bundesweiten Schreibwettbewerb gewonnen. Im Februar darf die Neuntklässlerin ihren Beitrag als einzige Preisträgerin aus NRW in Berlin vortragen.

(c) Stefanie Dullweber

Wenn Zoe Elena Stockhaus über das Schreiben spricht, dann macht sie das mit einer Ernsthaftigkeit, die man einer 14-Jährigen nicht unbedingt zutraut. Und doch ist es genau diese Reife, dieses Feingefühl, das der Neuntklässlerin der Verbundschule Hille nun einen außergewöhnlichen Erfolg beschert hat: Mit ihrem Text „Das hättest du sein können“ gehört Zoe zu den Siegerinnen des bundesweiten Schulwettbewerbs „Schreib für Hanau! Deine Worte für Zusammenhalt in Vielfalt“. Als eine von wenigen ausgezeichneten Schülerinnen ist sie im Februar nach Berlin eingeladen, um dort ihren Text öffentlich vorzutragen – als einzige Preisträgerin aus Nordrhein-Westfalen und als erste Lesende des Abends.

Lehrer vom Text „tief berührt“

„Zoe hat eine sehr gute Art und Weise zu schreiben“, sagt Schulleiter Dirk Schubert nicht ohne Stolz. Für ihn ist der Erfolg der Schülerin „eine Sensation“ – und zugleich ein Beleg dafür, wie wichtig es ist, gesellschaftlich relevante Themen im Unterricht aufzugreifen. Entstanden ist Zoes Text im Fach Praktische Philosophie. Ihr Lehrer Daniel Röhrs behandelte mit seinem Kurs das Thema Vorurteile und deren Folgen. Zufällig hörte er im Radio von der Ausschreibung des kreativen Schreibwettbewerbs und stellte sie seiner Klasse vor. Zwei Schülerinnen entschieden sich daraufhin, Texte zu verfassen, die Röhrs einreichte.

(c) Stefanie Dullweber

Schon beim ersten Lesen habe ihn Zoes Text tief berührt, erzählt der Lehrer. „Trotzdem habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht damit gerechnet, dass sie unter den Gewinnern ist.“ Was ihn besonders beeindruckte, war das „unglaubliche Feingefühl und die Empathie“, mit der Zoe schreibt. In ihrem Text stehe die Menschlichkeit im Vordergrund – und der bewusste Perspektivwechsel: weg von den Tätern, hin zu den Opfern.

Eine emotionale Ausnahmesituation

Genau das war Zoes Anliegen. Der Text beschäftigt sich mit dem rassistisch motivierten Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020, bei dem neun Menschen ermordet wurden. Die Kurzgeschichte schildert aus der Perspektive eines Teenagers dessen verspätete Heimkehr am Tag des rechtsextremen Anschlags in Hanau. Die Eltern reagieren mit panischer Angst und Verzweiflung, da sie zeitweise befürchten, ihr Kind könnte zu den Opfern gehören. Erst allmählich wird deutlich, dass die Bedrohung von außen kam und das Kind körperlich unversehrt ist, während die Nachrichten im Fernsehen das Ausmaß der Tat offenbaren. Der Text fokussiert nicht die Tat selbst, sondern die emotionale Ausnahmesituation von Angehörigen, die zwischen Ungewissheit, Angst und Erleichterung schwanken.

„Der Anschlag hätte jeden treffen können“, sagt Zoe. Dieser Gedanke zieht sich durch ihre Geschichte. Sie habe lange überlegt, wer ihre Protagonistin sein soll, und sich bewusst für einen Teenager entschieden. „Ich finde, so können sich viele damit identifizieren.“ Dass in der öffentlichen Wahrnehmung oft die Täter im Fokus stünden, störe sie. „Ich wollte den Opfern ein Gesicht geben.“ Deshalb nennt sie in ihrem Text auch die Namen der Menschen, die in Hanau ums Leben kamen.

Geschrieben hat Zoe ihren Beitrag in zwei Etappen – vornehmlich abends. „Ich kann dann am besten schreiben“, sagt sie. Sie habe mehrere Stunden am Stück bis 22 oder 23 Uhr an ihrem Text gesessen. Emotionen in Worte zu fassen, falle ihr dabei besonders leicht. Schreiben ist für sie mehr als ein Schulprojekt: Sie liest viel und gerne – „aktuell habe ich sieben Bücher zu Hause, die ich lesen möchte“ – und träumt davon, irgendwann ein eigenes Buch zu veröffentlichen. In ihren Texten beschäftigt sie sich häufig mit psychischen Erkrankungen oder Behinderungen. „Bei Tabuthemen sollte man nicht wegschauen“, findet sie. Schreiben mit künstlicher Intelligenz lehnt sie hingegen klar ab: „Das zerstört die Kunst.“

Workshops, Begegnungen und Gespräche

Der Wettbewerb, an dem Zoe teilgenommen hat, ist Teil des Aktionstags Hanau. In Kooperation mit dem dbb Beamtenbund und Tarifunion sowie dem Deutschen Gewerkschaftsbund wird er von der Initiative Kulturelle Integration ausgerichtet. Ziel ist es, junge Menschen dazu zu ermutigen, sich schreibend mit Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus und Ausgrenzung auseinanderzusetzen – und zugleich die Namen der Opfer von Hanau lebendig zu halten. Die Bandbreite der eingereichten Texte reicht von Kurzgeschichten und Gedichten bis hin zu Reden oder Songtexten.

Als Auszeichnung werden die ausgewählten Schülerinnen und Schüler vom 9. bis 11. Februar nach Berlin eingeladen. Dort erwarten sie Workshops, Begegnungen und Gespräche mit anderen jungen Menschen, die sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigt haben. Höhepunkt ist die feierliche Lesung am 10. Februar in der Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz – in Anwesenheit von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Und mittendrin: Zoe Stockhaus aus Hille.

In Begleitung nach Berlin

Begleitet wird sie von vier Freundinnen, ihrer Mutter sowie ihrem Klassenlehrer Martin Obst. Die Nervosität wächst langsam. „Ich bin schon sehr aufgeregt“, gesteht Zoe. Gleichzeitig wisse sie aber auch, dass ihr Text gut sei – „und das ist eine sehr komfortable Grundlage“. Ihr Lehrer Daniel Röhrs gibt ihr einen einfachen, aber eindringlichen Rat mit auf den Weg: „Trag deine Kurzgeschichte langsam vor. Du hast etwas zu sagen.“

Für Schulleiter Dirk Schubert ist genau das die wichtigste Botschaft dieses Erfolgs: dass junge Menschen gehört werden – und dass Schule ein Ort sein könne, an dem Engagement, Empathie und Haltung gefördert werden. Zoe Elena Stockhaus zeige eindrucksvoll, wie viel Kraft in Worten liegen kann. Und dass Schreiben mehr ist als ein Wettbewerb.

Quelle: https://www.mt.de/lokales/hille/Du-hast-etwas-zu-sagen-Hiller-Neuntklaesslerin-liest-Siegertext-in-Berlin-24261079.html

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